Leben

Altlasten

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Wenige Tage, viele Monate, einige Jahre oder gar Jahrzehnte tragen wir sie bei uns: die Altlasten.

Durch viele kleine und große schmerzhafte Erfahrungen, die wir gemacht haben.
Erworben durch Erlebtes mit bleibenden Prägungen wie Furchen in alternder Haut.
Mitgetragenes, was sich in unsere Herzen brennt und unsere Seelen beschwert.

Ungelöste Probleme der Vergangenheit

Die Trennung meiner Eltern war eine der ersten grundlegend verstörenden Erfahrungen für mich. Vieles war unausgesprochen, was mir dort in meiner kindlichen Naivität noch gar nicht bewusst sein konnte. Mein Vater war von einem Tag auf den anderen nicht mehr da und meine Mutter versuchte, alles irgendwie am Leben zu halten. Zwischen Rebellion und Rückzug in Angst begann ich, mich selbst zu verletzen. Mit den scharfen Kanten von Spitzern schnitt ich mir ins Fleisch meiner Unterarme. Blutend spürte ich wie der ziehende Schmerz half, den seelischen Druck und die Zerrissenheit kurzzeitig abzubauen.
Die Schnitte glichen den Wunden in meinem Herz, die als sichtbare Narben bleiben und unsichtbar mein Leben bis heute beeinflussen.

Wir Menschen sind in der Lage, schmerzende Emotionen wegzudrängen.
Das können wir sehr lange tun.
Vor allem durch die Verlagerung.

Verlagerung als Schmerzlöser

Es tut schon nicht mehr so weh, wenn ich es nur weit genug in die hinterste Ecke meines Herzens verbanne!

Leider ein Trugschluss.
Unabgeschlossenes kommt wieder und wieder. Dabei sind die Wege zur Befreiung aus dieser Last sehr unterschiedlich:
Manche müssen darüber reden. Oft und viel oder nur ein einziges Mal richtig. Andere reden gar nicht und ziehen sich zurück:
entweder sie schaffen den Absprung oder sie tragen es im Stillen für immer in ihrem Herz umher.
Es gibt die, welche sich durch Neues ablenken und versuchen, offene Wunden dadurch zu verschließen.
Und diejenigen, die immer hoffen, dass es besser wird, wenn sie in der Komfortzone ausharren.

Außen hart, innen weich

Viele von uns können diese schwebenden Zustände durch das pure Leben, die Hektik heutzutage, den stressigen Alltag in der Tat sehr lange und glaubhaft kaschieren.

Wenn mich eine Welle des Schmerzes erfasst, einfach nicht darauf schwimmen, sondern an das sichere Ufer paddeln.

Wir erreichen dadurch auch, dass es ein wenig ruhiger in uns selbst wird.
Doch meist nur bis zu dem Punkt, an dem die Erinnerung, eine bestimmte Emotion oder ein Ereignis eine neue Welle in Gang setzt:

Das Ufer bedeutet nicht, dass du in Sicherheit bist

Jedes Jahr veranstaltet unser Kindergarten einen Adventsnachmittag in der Kirche. Als getrennt lebende Erziehungsberechtigte haben wir beschlossen, dass wir beide für unseren kleinen Sohn an diesem Nachmittag eine Stunde in der Kirche singen, Stollen essen und unserem Kind auf der Bühne zujubeln.
Und wenn wir dann auf den kalten Holzbänken nebeneinander sitzen und unangenehmer Smalltalk oder Organisatorisches verstummt, dann kehrt auch jedes Jahr die Schwere und der Schmerz der unausgesprochenen Ereignisse in mein Herz.
Dann möchte ich weglaufen und heulen.
Ans Ufer paddeln.
Weg von der Welle.

Es gibt keinen einheitlichen Weg Altlasten abzutragen.
Jeder muss selbst lernen, wie er am besten damit umgehen kann:

Sich freischwimmen oder mit der Strömung treiben lassen.
Die Wellen mitnehmen und sich auf ihnen tragen lassen, um über sich selbst hinaus zu wachsen.

An ein Ufer kommen, wo das Herz und die Seele sagt:

Hier bin ich sicher.

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