Familie

Verantwortung für dich

Ich habe sie immer gefühlt: diese Verantwortung für dich.
Ich habe sie nicht gefühlt, weil ich es mir ausgesucht habe.
Nicht, weil ich spürte, dass dies meine Bestimmung ist.
Ich wollte sie niemals haben.

Es hat sich einfach so ergeben

Das ich in Kindertagen das offene Ohr war, dem du Dinge erzählt hast, die nicht für Kinderohren bestimmt gewesen wären.
Geschweige denn geeignet für ein Kinderherz!
Ich habe mich loyal dir gegenüber verhalten – so wie es Kinder immer bei ihren Eltern tun.
Und du hast meine Grenzen einfach schon immer übertreten.

Ich wollte dir helfen

Den Preis dafür habe ich damals weder verstanden, noch war er abschätzbar.
Deine Probleme, deine Gedanken, deine Weltanschauung waren für mich nicht greifbar und oftmals mit kindlichem Horizont natürlicherweise nicht nachvollziehbar.

Warum war da niemand, der mich beschützt hat ?

Das nehme ich euch übel.
Da war zu wenig Zeit und Offenheit, um meine Unsicherheiten und das Unverständnis miteinander zu besprechen.
Mehr war da nur die Beschäftigung mit euch selbst und Überforderung.
Was es wirklich bedeutet, einem heranwachsenden Kind ein Zuviel an Verantwortung überzustülpen, war euch nicht bewusst.
Ich habe mich verfügbar gemacht, damit ihr an meinen Armen ziehen könnt – natürlich gleichzeitig und in entgegengesetzte Richtung.
Ich habe mir Vorwürfe angehört, mir selbst welche gemacht und mich hilflos als Vermittler platziert.
Nur weil ihr in dem Moment nicht erwachsen sein konntet.

War das nicht eure Aufgabe ?

Zwischen all dem emotionalen Chaos, habt ihr derweil Krieg mit Worten und Taten geführt.
Die Seelen der Kinder wurden bei Nachbarn oder Freunden untergebracht oder haben sich im Keller verschanzt.

Wo war eure verdammte Verantwortlichkeit ?

An dieser Stelle kann man leider nur mutmaßen, was aus einer Kinderseele geworden wäre, wenn es durchgängig Zusammenhalt und Zuwendung gegeben hätte.
Ein verzweifelter Konjunktiv.
Vielleicht wäre da jetzt ein Mensch mit weniger Angst vor emotionaler Enttäuschung und Verlust.
Wahrscheinlich gäbe es eine Frau mit mehr echtem Selbstvertrauen.
Ganz sicher eine Person, sie sich nicht so oft fragil stabil fühlt.

Ambivalenz ist das, was bleibt

Schwarz-Weiß, hell-dunkel, Auf und Ab. Zerrissenheit. Schwermut. Selbstzweifel. Angst.
Wenig Raum für Spekulation.

Es ist zu spät für meine Wut, meine Verzweiflung, Schuldzuweisung.
Alles, was war, ist längst aus euren Köpfen, wird bagatellisiert oder stilisiert zu
„Das war für uns alle eine schwierige Zeit“.

Nun bin ich selbst Mutter eines 5-jährigen Sohnes. An ihn habe ich mein Mutterherz verloren.
Für ihn würde ich alles geben, jeden Berg erklimmen, jeden Weg auf mich nehmen. Ich werde älter und frage mich immer wieder:

Wie konntet ihr das zulassen ?

Weil ihr es selbst nicht besser wusstet ?
Habt ihr denn versucht, alles Mögliche zu tun ?
Wart ihr euch wirklich nicht im Klaren darüber, was dies zur Folge haben kann ?

Diese Antworten bekomme ich nicht mehr. Die Vergangenheit lebt nur noch durch Erinnerungen und tiefe Prägungen.
Und so stelle ich mir die Fragen seit Jahrzehnten und niemals waren sie klarer in ihrer Beantwortung wie jetzt.

Du hast keine Verantwortung

Du hast sie nicht für andere, außer deiner Kinder, die du aus Liebe in diese Welt gesetzt hast.
Verantwortung hast du nicht für andere, außer dich selbst.

Das Bewusstsein habe ich nun:
Fühle dich nicht verantwortlich für all das Elend in der Welt.
Hab nicht immer ein schlechtes Gewissen, wenn du für dich, statt gegen andere entscheidest.
Steh zu deiner Verletzlichkeit, auch wenn es allen anderen um dich herum anders zu ergehen scheint.
Steh mit geradem Rücken für dich ein, auch wenn es Verbündete kostet.
Bleib stehen und schau auch mal zurück, wenn es um Demut dem Leben gegenüber geht.

Du bist deine VerANTWORTung

Und darin liegt vielleicht schon ein Stück ANTWORT.

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  • Antworten Sebastian 25. Juni 2018 um 9:17

    Vorbildlich!
    Dein Sohn wird es Dir eines Tages durch ehrliche Verbundenheit und Freude danken.
    Die Geburt des eigenen Kindes ist eine Chance es besser zu machen.
    War das nicht eure Aufgabe ? —> Es ist Deine Aufgabe!

    • Antworten Jane 28. Juni 2018 um 9:48

      Danke Sebastian. Deine Worte sagen aus, wie ich es auch fühle. Es ist unsere Aufgabe, für unsere Kinder da zu sein und Ihnen einen sicheren, geborgenen Weg ins Leben und die Welt zu ebnen. Liebste Grüße, Jane.

    ICH FREUE MICH ÜBER DEINEN KOMMENTAR, DEINE ANREGUNGEN, DEINE GEDANKEN