Leben

Ideale

Foto: Mama und Papa

Ein kleines Mädchen wächst mit ihrem älteren Bruder behütet in einer Kleinstadt auf. Mutter und Vater sind glückliche Eltern. Es werden viele Familienausflüge und -urlaube unternommen, zusammen am Tisch gegessen und dort über alles geredet. Die Kinder haben tiefes Vertrauen zu ihren Eltern. Bei jedem Wetter spielen sie draußen im Garten,  bis es dunkel wird. Sie kommen dreckig und sehr glücklich nach Hause, schlafen bei einer Gute-Nacht-Geschichte ein, werden in den Schlaf gestreichelt. Die Eltern begleiten Ihre Kinder durch kleine Täler, feiern die Höhen, trocknen Tränen, haben immer ein offenes Ohr.

Alle sind gesund und zufrieden.

Die Kinder bringen gute Noten mit nach Hause, sind fleißige Schüler, haben gute, höfliche Freunde. Sie treiben Sport und erledigen Arbeiten im Haushalt ganz selbstverständlich. Die Eltern haben einen erfolgreichen, geregelten Beruf, durch welchen sie noch genügend Freizeit mit den Kindern und der Familie verbringen können. Die Kinder durchwandern die Pubertät problemlos und schreiben beide ein sehr gutes Abitur mit anschließendem Jura- und Medizin-Studium magna cum laude.

Sie bekommen Kinder und machen ihre eigenen Eltern zu glücklichen Großeltern, die viel Zeit mit ihren Enkeln verbringen. Die Eltern genießen ihren Lebensabend im Kreise der wachsenden Familie und gehen Hand in Hand spazieren. Sie fühlen sich angekommen. Gemeinsam sitzen sie im Garten und schauen den spielenden Kindern zu. Eine tiefe Zufriedenheit und Ruhe geht von Ihnen aus. Sie sind der Ort, wo das Herz der Kinder zuhause ist. Dorthin kehren sie immer zurück.

Eine schöne Geschichte. Ein Ideal.

Alles läuft rund, alle sind immer füreinander da, es gibt keine Probleme, kein Streit, keine Abweichung von der Idealvorstellung im Lebenszirkus. Wir verlieben uns dank Partner-und Singlebörsen in fehlerlose Partner mit perfekt ausgeleuchtetem Foto, haben  eine durchtrainierte Figur, können von einer wunderschönen, geborgenen Kindheit erzählen.

Wir fahren immer das neueste, auf Hochglanz polierte Auto und  haben einen verantwortungsvollen Beruf, in welchem wir uns zu 100 Prozent erfüllt fühlen. Wir bekommen hübsche Kinder und heiraten Märchenprinzen und -prinzessinnen.

Wir erleben die ewige, unerschütterliche Liebe.

Wir leben mit der Vorstellung einer Musterwelt, welche uns unter so großen Druck setzt, dass wir immer die optimalste Lösung jeglicher Belange täglichen Lebens  für uns beanspruchen.

Doch der Schein trügt.

Vor 2 Jahren hat mich das Leben sehr schmerzhaft an den Punkt gebracht, meine Ideale zu hinterfragen.

Zeit meines Lebens war es mein Wunschbild eine glückliche, kleine Familie mit zwei Kindern, Hund, Katze und einem kleinen Häuschen im Grünen zu haben. Mein Sohn war 2 Jahre alt, als dieser Traum in tausend klitzekleinen Scherben vor mir lag.

Es wurde lange Zeit still um die angestrebte Vollkommenheit. Ich war einfach erst einmal dabei zu begreifen, was hier gerade passiert.

Die Geschichte zu Beginn hätte ich gern meinen Enkelkindern erzählt. Dennoch trug sie sich anders zu.

Meine Geschichte war real.

Ich wuchs mit meinem 7 Jahre älteren Bruder behütet in einer Kleinstadt auf. Unsere Eltern sind glücklich. Wir fahren jedes Jahr zweimal in den Urlaub, machen Exkursionen durch heimische Wälder und unternehmen Wanderausflüge und Kremserfahrten mit Freunden. Wir hatten einen tollen Garten am Haus mit unzähligen Verstecken, Tomatenbeeten und einer Hollywoodschaukel, die ich liebte.

Wir sind mit unseren Problemen meist zu unserer Mutter gegangen, weil sie feinfühlig war. Unser Vater lobte uns besonders, wenn wir gute Noten mit nach Hause brachten. Ich hing immer sehr an meiner Mutter. Sie war herzlich und liebevoll mit uns Kindern. Mein Vater war der strengere Elternteil, der mir sehr viel Wissen beigebracht hat und meinen Ehrgeiz im Ursprung mitgestaltete. Ich ging gern in die Schule und war fleißig. Meine Noten waren sehr gut bis gut und im Hort war ich nach der Schule meist bis zum späten Nachmittag untergebracht, weil meine Eltern beide Vollzeit arbeiteten. Ich lief alleine in die Schule und wieder zurück nach Hause.

Meistens war ich auf mich allein gestellt.

So briet ich mir selbst ein Spiegelei und verbrachte die Zeit mit meinem ersten Haustier – Meerschwein Oscar –  oder sah fern. Im Grunde meines Wesens war ich aber ein sehr quirliges und temperamentvolles Mädchen. Einige Jahre habe ich im Ballett an meiner Haltung und Anmut gearbeitet und in Selbstverteidigung meine Energie sinnvoll umgesetzt.

Bei unseren Nachbarn hatte ich 2 tolle Freundinnen, denen ich sehr nah stand. Wir spielten an den Wochenenden zusammen Playmobil und ihr Garten war mal Hexenküche, mal Zirkus. Ich fühlte mich auch in dieser Familie immer sehr „zuhause“ und war immer willkommen. Wir gingen am Samstag zusammen Brötchen holen und kauften uns vom Rückgeld im Süßwarengeschäft Traubenzucker zum Pfennigpreis.

Mein Bruder hatte zu dieser Zeit Probleme in der Schule und falsche Freunde. Er rebellierte stumm und suchte seinen Ausweg in der Verdrängung. Er  begann auf Techno Partys zu gehen und auch Drogen zu nehmen. Ich habe ihn tagelang nicht gesehen. Später erzählte er mir, dass er von zuhause abhauen wollte. Er verbarrikadierte sich in seinem Zimmer, was er im Keller hatte. Dort versuchte er wohl, seinen Schmerz zu betäuben.

Ich wechselte die Schule und ging nicht aufs Gymnasium, weil meine Eltern dies so entschieden. Man spürte zunehmend, dass es Spannungen zwischen Ihnen gab. Das habe ich nur damals nicht einordnen können.

Ich kannte auch nur diese eine Realität. Es war meine.

Oft waren mein Vater und meine Mutter nicht mehr präsent. Dies äußerte sich darin, dass wir Kinder kaum Grenzen kannten. Es gab keine festen Zeiten zum Essen und wir verarbeiteten dies beide mit Rückzug aus dem Elternhaus. Wir sind viel draußen rumgezogen, haben mit Freunden rumgehangen, welche für uns immer wichtiger wurden.

Ich fühlte mich oft allein.

Um dieser inneren Leere zu entkommen, suchte ich Schutz und Geborgenheit im Außen.

Ich rauchte meine erste Zigarette und trank auch meinen ersten Schluck Alkohol – da war ich 12 Jahre alt. Es machte mich unabhängiger. Jedoch nur im eigenen Gefühl. Denn abhängig sollte man in seiner Pubertät nur von seinen Eltern sein, vor allem emotional.

Im Freundeskreis fühlte ich mich verstanden und aufgehoben. Meine nach außen hin coole Art sollte meine Traurigkeit über anbahnende familiäre Veränderung überspielen.

Ich lernte meinen ersten festen Freund kennen und lieben. Bei ihm fand ich Zuflucht, als sich meine Eltern schließlich trennten…

Keine Wunschvorstellung. Kein Traum.

Nicht unbedingt ein Ideal.

Nun – 20 Jahre später – denke ich wieder viel über Ideale nach.

Die meisten Menschen  erschaffen sich ein eigenes Wunschbild und versuchen dieses zu erreichen. Heutiges gesellschaftliches Leben ist darauf ausgerichtet, dass es perfekt funktionieren muss.

Aus diesem Grund komme ich selbst schwer von diesem wunden Punkt los, dass es bei mir in vielen Lebenslagen nicht geradeaus lief.

Meine langjährige Therapeutin sagte mal zu mir:

Versuchen Sie, sich neue Ideale zu erschaffen. Es kommt auf den Blickwinkel an. Es ist nicht zu spät, diese neu zu definieren.

Daran arbeite ich seitdem. Manche Dinge kann ich nicht mehr ändern, daher finde ich Ruhe damit in der Akzeptanz dieser Situationen. Man muss aktiv daran arbeiten, sich kein perfektes Konstrukt erbauen zu wollen. Fehler und Irrwege einkalkulieren. Enttäuschungen vorbeugen. Ideale loslassen.

Hast du Ideale, welche dein Leben prägen oder geprägt haben?

Wir müssen sie nicht alle ziehenlassen. Wir sollten sie respektvoll gehen lassen, wenn sie nicht mehr zu uns gehören und sie dann festhalten, wenn sie nur durch den Alltag Staub fangen und manchmal den Blick verschleiern für das, was für uns eben gerade ideal ist.

Ein gesamtgültiges, perfekt zusammenpassendes Bild wird sich nicht finden lassen – aber eines, was in unserLeben passt ?

Dazu habe ich neulich einen passenden Artikel gelesen, den ich mit dir teilen möchte: http://mrminimalist.com/ideale/

Ich mache mich nun weiter auf die Suche …

 

 

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  • Antworten Antje 24. Oktober 2017 um 10:08

    Hallo Jane,

    muss denn wirklich immer als ideal und perfekt sein?

    Es gibt doch mehr als genug Umstände (z.B. beruflich) in denen wir immer und zu 100% alles geben was erwartet wird. In dem wir immer schön unsere Standards erfüllen, weil wir ja schließlich dafür entlohnt werden.

    Aber in meinem privaten geschützen Raum zusammen mit Familie und Freunden möchte ich gar nicht ideal und perfekt sein. Da bleibt auch mal die schmutzige Wäsche stehen oder das Sonntagsessen besteht anstelle des obligatorischen Bratens mit Beilagen nur aus einer bestellten Pizza. Einfach weil es mich und meine Familie glücklicher macht die Zeit gemeinsam zu verbringen, zu spielen und zu kuscheln anstelle stundenlang in der Küche zu stehen nur um irgendwelchen Idealen gerecht zu werden.

    Nur weil etwas ideal scheint, weil es vielleicht in der heutigen Gesellschaft den Standards entspricht und deshalb erwartet wird, macht mich das noch lange nicht glücklich. Und wenn man einem oder seinem Ideal folgt, ist man dann automatisch glücklich nur weil man es erfüllt? Wieviel von dem was man sich vornimmt kann man gar nicht erreichen, einfach weil die äußeren Umstände uns oft ungewollt beeinflussen.

    Oder besteht Glück und Freude vielleicht sogar darin, einmal nicht perfekt und ideal zu sein.

    Vielleicht ist mein Ideal nicht ideal zu sein. Sondern einfach glücklich, weil ich nicht ständig Zeit damit verbringe danach zu streben sondern sie nutze um darin zu leben.

    Liebe Grüße,
    Antje

    • Antworten Jane 1. November 2017 um 11:46

      Liebe Antje, ich danke dir für dein tolles, ehrliches Feedback. Ideale sind natürlich immer auch subjektiv gefärbt und individuell. Durch Prägungen im Leben entstehen sie oder verändern sich. Ich gebe Dir Recht damit, dass es im privaten Bereich immer Toleranz diesbezüglich geben sollte – einfach, weil wir dort so sein können, wie wir sind und unsere Lieben dies mittragen. Ideale sind aber auch einfach Vorbilder oder Zustände, die man im Leben anstrebt. Und das finde ich sehr schön, wenn es sie – für jeden individuell – gibt. Ich freue mich über deine Worte.
      Liebste Grüße, Jane

  • Antworten Auf der Suche - The inner me 7. November 2017 um 12:02

    […] Wir dürfen abweichen von der Suche nach Idealen. […]

  • Antworten Große Erwartungen - The inner me 28. Dezember 2017 um 21:33

    […] Kind habe ich mich zwar erwartungsvoll auf den Weihnachtsmann gefreut, aber nicht nach Idealen gesehnt oder Erfahrungen verglichen. Ich habe nicht bewertet, Geschenke und Gesten nie analysiert. […]

  • Antworten Gefühle in Extremen - The inner me 29. Januar 2018 um 21:13

    […] Emotionen zu leben. Sie anzunehmen, weil sie Teil einer vielschichtigen Ereigniskette sind. Weil es meine Geschichte […]

  • Antworten Außer Kontrolle - The inner me 5. April 2018 um 13:17

    […] oder blockiert werde. Ich kontrolliere, wie ich auf andere wirke und steuere, dass es möglichst ideal und perfekt aussieht. Mein Kontrollzwang umfasst beispielsweise die Organisation von Treffen mit […]

  • ICH FREUE MICH ÜBER DEINEN KOMMENTAR, DEINE ANREGUNGEN, DEINE GEDANKEN