Leben

Gefühle in Extremen

Foto: Canva

Seit ich denken kann, fühle ich in Extremen.

Schwarz – Weiß
Oben – Unten
Laut – Leise.

Die Zwischentöne kenne ich durchaus:
Grau-Nuancen,
die Mitte,
das sanft Hörbare.

Jedoch tobt in mir stets ein starker Kontrast.
All meine Erfahrungen mit mir selbst und anderen sind davon geprägt.

Keine halben Sachen

Wenig Bedingungslosigkeit,
der Hang zu Extremen,
intensiv gefühlte Emotionen.
Innere Zerrissenheit.
Grenzenlosigkeit.

Meine Pubertät war in vielerlei Hinsicht sehr intensiv und maßgeblich geprägt von ambivalenten Gefühlen, welche sich nicht in Grenzen pressen ließen.
Nach der Trennung meiner Eltern, als ich 13 Jahre alt war, spürte ich dies das erste Mal besonders:
ich konnte meine gegensätzlichen Gefühle oftmals nicht einordnen.
Einerseits war da massiver Schmerz, der sich dumpf in mein Herz drängte,
andererseits diese Gefühle von Befreiung.
Es tat sehr weh, als ich realisierte, dass unsere heile Familie nicht zu retten ist.
Es war jedoch ebenso gut, dass die Streitereien zuhause aufhörten.
Leider gab es in dieser Zeit keinen aus meiner Familie, der mich als Kind an die Hand nahm und sagte:
„Hey mein Schatz, es ist gerade eine schwere Zeit und all deine Gefühle sind völlig normal.
Wir werden eine gute Lösung finden und es wird alles gut werden.“

Und so schwebte ich zwischen den Welten und wusste oft nicht, wo ich mit mir selbst hin soll.

Positionslos und ohne sicheren Hafen

In dieser Zeit wuchsen diese gegensätzlichen Gefühle in mir …

Die Zeit nach dem Auszug meines Vaters aus der gemeinsamen Wohnung meiner Eltern erlebte ich in Form massiver Angst und starker Suche nach Halt.
Meine Angst nahm panische Gesichter an, ich schlief wenig und machte mir oft Sorgen, wie es weitergeht.
Ich nahm das erste Mal bewusst eine innere Leere wahr.
Mit Rebellion dagegen, versuchte ich diese innere Ohnmacht zu übertünchen.

Doch manche Löcher sind zu tief im Fleisch, als das wir sie mit normalem Flickzeug nähen könnten!
Der fehlende Halt im Außen brachte den starken Willen hervor, aus mir selbst heraus Sicherheit fühlen zu müssen.
Ich steckte meine Energie in die Schule und lernte exzessiv für Einsen.
Nur diese Eins stimmte mich innerlich zufrieden und schenkte mir Wertschätzung für mein Tun,
mein Büffeln, meine extreme Anstrengung. Ich perfektionierte diesen Mechanismus bis zur Jahrgangsbesten.
Darauf war ich dann tatsächlich stolz.

Extreme und exzessives Handeln bestimmten ab hier meine Jugend.
Ich reizte das in jeder Hinsicht aus und bekam kaum Begrenzung durch meine Eltern.

Alles auf den Kopf gestellt

In dieser sensiblen Phase des Lebens – der Pubertät – sind Ambivalenzen sowieso schon Thema genug.
Alles fühlt sich plötzlich intensiver an:

Trauer und Freude,
Verlust und Hoffnung,
Liebeskummer und Schwärmerei.

Nicht umsonst erleben alle Teenager diese Zeit als gewaltige emotionale Achterbahn.
Diese Achterbahnfahrt nahm zeitweise ab und abhängig von persönlichen Lebensumständen auch wieder zu.

Während meiner psychotherapeutischen Behandlung auf Grund der schweren Essstörung wurden auch Diagnosen wie
Borderline – Persönlichkeitsstörung und generalisierte Angststörung in den Raum geworfen.
Ich habe mich erst viel später grundlegend damit auseinandergesetzt, was das eigentlich für mich und mein Leben bedeutet.
Ich verstand, dass die Magersucht und Bulimie nur Ausdruck meiner inneren Kämpfe waren.
Die Symptome, aber nicht die Ursache.
Ich gelte als geheilt und dennoch kämpfe ich immer noch.

Ich habe gelernt, mit ausufernden Emotionen zu leben.
Sie anzunehmen, weil sie Teil einer vielschichtigen Ereigniskette sind.
Weil es meine Geschichte ist.

Hätte ich diese intensiven Gefühle nicht kennengelernt,
wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Ich wäre nicht
so dankbar,
demütig,
empathisch
und herzlich.

Zunehmend lasse ich gesunde Mittelwege gelten,
halte mehr Abstand zu einnehmenden Menschen, um meine eigene Balance, meinen inneren Frieden, zu finden.
Ich versuche, die Extreme in meinen oftmals instabilen Gefühlen auszugleichen.
Die Zerrissenheit, die ich sooft fühle, anzunehmen.
Zu Akzeptieren, was im Innen und Außen ist.

Für ein nuancenreicheres Leben.
Für mich.

Und wie fühlst du ?

6

  • Antworten Luisa 25. Januar 2018 um 14:17

    Dein Text hat mich sehr berührt. Ich finde es toll, wie du dein innerstes nach Außen beschreiben kannst. Ich bewundere das. Liebe Grüße Luisa

    • Antworten Jane 29. Januar 2018 um 21:09

      Liebe Luisa, es ist einfach wunderschön, wenn du du dich von meinen Worten berührt fühlst, Wow! Ich danke dir vielmals. Ich habe für mich selbst diesen Weg gewählt, um besser mit meinen Gefühlen und Gedanken umgehen zu lernen. Und irgendwie lernen wir das alle ja ein Leben lang. Ich freue mich sehr, dass du mir diese tollen Worte hinterlassen hast.
      Viele liebe Grüße, Jane.

  • Antworten eMole 31. Januar 2018 um 9:33

    Not alone … Danke 🙂 eMole

    • Antworten Jane 31. Januar 2018 um 9:42

      Liebe eMole, ich danke dir vielmals, dass du dies teilst und sende dir ganz liebe Grüße.

  • Antworten Paradox - The inner me 22. Februar 2018 um 20:33

    […] meine intensive Gefühlswelt nehme ich schon immer starke Ambivalenzen und Widersprüche wahr. Spürbar ist das vorrangig auf […]

  • Antworten Im Schatten der Angst - The inner me 7. Juni 2018 um 11:05

    […] Meine Ängstlichkeit vielen Dingen und Situationen gegenüber fing dort bereits an, davon bin ich überzeugt. Zugegebenermaßen ist bekannt,  dass kleine Kinder neuen Situationen oder Unbekanntem oftmals ängstlich oder verschreckt gegenüberstehen – einige mehr , andere weniger. Es ist schwer herauszufinden, ob unsere Angst „normal“ ist oder doch übertrieben. […]

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